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Social-Reading-Plattform Sobooks gibt auf

Eines der ambitioniertesten deutschen Startups im E-Reading-Bereich ist am Ende. Das von den Digital-Experten Sascha Lobo und Christoph Kappes verantwortete Sobooks wurde nach vier Jahren Betrieb in der vergangenen Woche abgeschaltet. Das Konzept „gemeinschaftliches Lesen“ hat sich als nicht tragfähig erwiesen. Einmal mehr.

Schon im Vorfeld der Live-Schaltung von Sobooks (Social books) im Herbst 2013 übte sich Sobooks-Geschäftsführer Sascha Lobo nicht gerade in Bescheidenheit. Man wolle „eine neue Form von E-Book zu finden, die der digitalen Vernetzung angemessen ist“. Das Konzept in Kürze: Gekaufte eBooks werden auf einer geräteübergreifend einheitlichen Online-Oberfläche angezeigt und sind dort auch direkt kommentierbar, die Diskussion zum Buch findet eben darin statt.

Sobooks wollte eBooks interaktiv und sozial machen

Sobooks „Heatcharts“ im Mai 2018

Passend zum Konzept wollte Sobooks vor allem im Bereich Ratgeber und Sachbücher punkten, wo es einen besonders großen Bedarf an Austausch gibt. Statt händlertypisch mit einem Vollsortiment startete Sobooks nach einem Jahr Beta-Phase zur Frankfurter Buchmesse 2014 mit nur ein paar Dutzend ausgewählten Titeln, innerhalb derer sich Debatten entfalten sollten. Was allerdings allenfalls rudimentär passierte, obgleich Sobooks dank der prominenten und medienaffinen Geschäftsführer rund um den Start ein Presse-Echo beschieden war, von dem andere Startups nur träumen könnten.

Man kann Sobooks nicht vorwerfen, es in den seither vergangenen Jahren nicht versucht zu haben. So gab es auf der Website der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen „digitalen Lesesaal„, in welchem FAZ-Autoren aktuelle Literatur vorstellten und zur weiteren Diskussion auf Sobooks verwiesen. Am anderen Ende der intellektuellen Skala gab es Kooperationen mit Influencern wie dem Soap-Sternchen Saskia Beecks, deren Abnehm-Ratgeber „So habe ich es geschafft“ bis zuletzt das mit weitem Abstand  meistgelesene Buch auf Sobooks war. Und über eine Kooperation mit der Lufthansa gab es die Bemühung, neue Kanäle für Reichweite zu erschießen.

„Technologisch- und branchenbedingte Schwierigkeiten und Fehlentscheidungen“

Das Grundproblem ließ sich mit all diesen Maßnahmen aber nicht lösen: Der Diskussionsbedarf innerhalb der bei Sobooks gelisteten Bücher war praktisch durchweg gering bis nicht vorhanden. Auch die 2016 vorgenommene Zentralisierung der zuvor über die jeweiligen Bücher verstreuten Leser-Kommentare  belebte den Austausch nicht. Damit war das einzige Alleinstellungsmerkmal der Plattform wertlos, und für die reine Lektüre von eBooks bot die Konkurrenz (Amazon Kindle, Tolino) naturgemäß technisch bessere Alternativen.

Konsequenterweise hat Sobooks jetzt den Stecker gezogen.Den finalen Auslöser gab die vergangene Woche in Kraft getretene Datenschutzgrundverordung, die allerdings von Sascha Lobo und Christoph Kappes anständigerweise nicht als eigentlicher Grund vorgeschoben wird. Statt dessen heißt es, „neben technologie- und branchenbedingten Schwierigkeiten waren die Hauptgründe [für das Aus] unternehmerische Fehlentscheidungen“.

Sobooks ist bei weitem nicht das erste gescheiterte Social-Reading-Projekt, im Gegenteil ist die Entwicklung des E-Reading-Marktes gepflastert von Dergleichen. Zu den größeren Pleiten gehörte 2014 das Berliner Startup Readmill und 2015 das ebenfalls in Berlin beheimatete Dotdotdot. Hinzu kommen zahlreiche gescheiterte App-Verlagsprojekte mit starker sozialer Komponente (etwa Rowohlt Digitalbuch Plus) und das Buchfrage-Widget der größten deutschen Leser-Community Lovelybooks.

Kein Bedarf an privatem Austausch innerhalb von eBooks

Die einzige „soziale“ E-Reading-Komponente, die im Jahr 2018 in Deutschland wirklich im größeren Umfang genutzt wird, ist die Funktion „beliebte Markierungen ansehen“ innerhalb der Kindle-Plattform. Kindle-Leser können sich damit optional die Textstellen in eBooks hervorheben lassen, die andere Leser des gleichen eBooks besonders häufig markiert haben. Darüber hinaus scheinen Leser innerhalb von eBooks schlicht keinen Bedarf an [digitalem] Austausch [mit Fremden] zu haben. Selbst bei vermeintlich kontroversen Sachbüchern und Ratgebern.

Potenziale im Bildungsbereich?

Das größte Potenzial hat Social Reading sicherlich bei der geschäftlichen Kommunikation – wo es aber mit unzähligen Kollaborationstools von Google Docs & Co bis zu zahlreichen Startups gewaltige Konkurrenz gibt – sowie vor allem im Bildungsbereich, etwa beim Fernstudium. Einige Sobooks-Macher wollen sich jetzt auch mit einem neuen Produkt in diese Richtung orientieren, wie die Abschalt-Seite verrät. Auch hier gibt es allerdings schon zahlreiche komplexe Online-Lernplattformen, und zumindest in Deutschland ist der schulische und universitäre Bildungssektor nicht gerade für seine Flexibilität und Innovationsfreude bekannt.

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