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Zeigarnik-Effekt: 4 Beispiele & 6 Tipps zum Cliffhanger-Effekt

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Der Zeigarnik-Effekt ist ein Gedächtnisphänomen. Vereinfacht gesagt unterstützt er dich dabei, dich leichter an Dinge zu erinnern. Wir zeigen dir, was der Zeigarnik-Effekt genau ist und wie du seine negativen Auswirkungen vermeiden und ihn positiv für dich nutzen kannst.

Dank des Zeigarnik-Effekts erinnerst du dich leichter an Informationen zu unerledigten Aufgaben. Ist man sich des Effekts bewusst, lässt er sich positiv nutzen. Kennt man ihn nicht, kann er zu einem erhöhten Stressempfinden und innerer Unruhe führen.

Wir erklären dir, was der Zeigarnik-Effekt ist, wer ihn entdeckte und welche positiven und negativen Auswirkungen er auf dich haben kann.

Das ist der Zeigarnik-Effekt

Der Zeigarnik-Effekt ist ein psychologischer Effekt beziehungsweise ein Gedächtnisphänomen. Er wurde 1927 von der russischen Psychologin und Namensgeberin Bljuma Zeigarnik entdeckt und beschreibt, dass unerledigte Aufgabe besser im Gedächtnis behalten werden als erledigte.

Die Grundlage für diesen Effekt ist die Annahme, dass die Absicht, eine Aufgabe zu erledigen, eine Spannung im Gedächtnis erzeugt. Diese Spannung baut sich erst wieder ab, wenn die zugehörige Aufgabe abgeschlossen ist.

Bleibt eine Aufgabe unabgeschlossen, verweilen die Informationen zu dieser Aufgabe leicht zugänglich im Gehirn, sodass du dich schnell wieder an sie erinnern und die Sache zu Ende bringen kannst.

Verwandt mit dem Zeigarnik-Effekt ist der Ovsiankina-Effekt, den eine Kollegin von Zeigarnik namens Maria Ovsiankina beschrieb.

Während der Zeigarnik-Effekt beschreibt, dass unerledigte Aufgaben leichter erinnert werden, beschreibt der Ovsiankina-Effekt, dass unerledigte Aufgaben einen stärkeren Handlungsdrang hinterlassen als erledigte.

Demnach lösen unabgeschlossene Handlungen in dir ein Bedürfnis aus, sie unbedingt abschließen zu wollen. Wenn ich diesen Satz anfange, möchtest du unbedingt wissen, wie…

…er endet.

Erst wenn du einen Haken hinter die zu erledigende Aufgabe setzen kannst, ist dieses Bedürfnis befriedigt und du kannst mental mit der Aufgabe abschließen.

Bljuma Zeigarnik

Durch einen Kellner wurde Zeigarnik auf das Gedächtnisphänomen aufmerksam

Bljuma Zeigarnik wurde 1901 in Litauen geboren und begann 19 Jahre später ihr Psychologiestudium an der Universität zu Berlin.

Nach fünfjährigen intensiven Studien der menschlichen Psyche promovierte Zeigarnik 1927 bei Kurt Lewin.

Während eines Café-Besuches in den 1920er Jahren wurde Bljuma Zeigarnik erstmals auf den später nach ihr benannten Effekt aufmerksam.

Sie war beeindruckt von einem Kellner, der sich eine Vielzahl der Bestellungen mit Leichtigkeit merken konnte.

Sobald er den Gästen jedoch die gewünschten Speisen und die bestellten Getränke serviert hatte, erinnerte er sich kurz darauf nicht mehr daran, wer was bestellt und wem er was serviert hatte. Die Bestellung und somit die Aufgabe war für ihn abgeschlossen.

Als Psychologin machte Bljuma Zeigarnik das nachdenklich. Sie begann dem beobachteten Phänomen nachzugehen und erforschte es schließlich in ihrer Dissertation. Diese trug den Namen “Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen”.

Darin zeigte Zeigarnik, dass Personen sich unerledigte Aufgaben bis zu 90 Prozent besser merken können als erledigte.

Drei Jahre später zog Zeigarnik mit ihrem Mann Albert Zeigarnik nach Moskau. Dort arbeitete sie vorerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin auf den Gebieten der medizinischen Psychologie und klinischen Neuropsychologie und leitete später (1943) das Institut für Psychologie in Moskau.

In den Jahren 1934 und 1939 bekam sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, den sie bereits mit 19 Jahren geheiratet hatte, zwei Söhne namens Juri und Vladimir.

Ihren Albert verlor Bljuma 1940 durch die stalinistische Repression, als er aufgrund eines Spionage-Vorwurfs für Deutschland zum Straflager verurteilt wurde und von dort nicht mehr heimkehrte.

1953 wurde sie Professorin an der Universität, an der sie arbeitete, und 1983 bekam sie für ihre Arbeit schließlich den Lewin-Gedächtnis-Preis von der Society for the Psychological Study of Social Issues. Fünf Jahre später starb sie in Moskau.

Zeigarniks Experiment

Zeigarniks Experiment: So untersuchte sie den Effekt

Nach ihrer Begegnung im Café begann Zeigarnik, das von ihr beobachtete Phänomen zu untersuchen und erforschte es 1927 in einem Experiment an der Berliner-Humboldt-Universität.

Während des Experimentes bekamen 164 Teilnehmende verschiedene Aufgaben, die sie erledigen sollten.

Darunter waren handwerkliche Aufgaben, wie eine bestimmte Form aus Ton herzustellen oder etwas zu basteln.

Aber auch mentale Aufgaben wie mathematische Probleme forderten die Teilnehmenden heraus. Die Hälfte der Aufgaben durften die Probandinnen und Probanden beenden.

Bei der anderen Hälfte unterbrach Zeigarnik die Teilnehmenden und beendete die Aufgabe vorzeitig, obwohl die Probandinnen und Probanden sie noch nicht vollendet hatten.

Ein anschließender Erinnerungstest zeigte: Die Teilnehmenden erinnerten sich an die unvollendeten Aufgaben deutlich häufiger, als an die vollendeten.

Daraus schloss Zeigarnik, dass das Gehirn für begonnene Aufgaben eine gewisse Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt, die erst schwindet, wenn die Aufgabe abgeschlossen ist und kein weiteres Handeln erfordert.

Beeinflussende Faktoren

Auch wenn der Effekt in einigen Alltagssituationen zu beobachten ist, war er in vielen weiteren Untersuchungen nach Zeigarniks Experiment nicht replizierbar. Daher gilt der Zeigarnik-Effekt als wenig zuverlässiges Phänomen.

Bestimmte Variablen führen dazu, dass der Effekt nicht beobachtet werden kann. Das ist zum einen die Zeit, die du einer Aufgabe widmest. Eine erledigte Aufgabe, mit der du dich lange beschäftigt hast, kann besser im Gedächtnis bleiben als eine unerledigte Aufgabe, mit der du dich nur kurz beschäftigt hast.

Auch die Komplexität der Aufgabe hat Einfluss: Empfindest du eine Aufgabe subjektiv als zu schwierig, neigst du eher dazu, sie wieder zu vergessen, obwohl sie unerledigt ist.

Beispiele aus dem Alltag

Der Zeigarnik-Effekt ist kein abstraktes psychologisches Phänomen. Viel eher findet man viele Beispiele aus dem Alltag, die eng mit dem Effekt zusammenhängen.

Cliffhanger

Der wohlbekannte Cliffhanger findet sich auf Klappentexten, dem Ende eines Kapitels, in Serien, Videospielen und Filmen. Er generiert Spannung, sodass die Person am anderen Ende weiterliest, weiterschaut oder weiterspielt.

Das ist ein Cliffhanger
“Cliffhanger” bedeutet ins Deutsche übersetzt “Klippenhänger” und beschreibt dabei wörtlich seine Bedeutung: Beim Schauen eines Films oder einer Serie wird die Zuschauerin oder der Zuschauer durch das Folgen der Storyline an eine Klippe geführt.

Dort wird sie dann kurz vor dem Abgrund stehen gelassen, da der Handlungsstrang an einer spannenden Stelle durch Werbung oder das Ende der Folge unterbrochen wird.

Um von dieser Klippe wieder wegzukommen, möchte die Zuschauerin oder der Zuschauer natürlich wissen, wie es weitergeht und wartet, bis die Werbung vorüber ist oder schaut die darauffolgende Folge.

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Werbung immer genau an den spannendsten Stellen eines Films eingespielt wird?

Das zeigt die klassische Verwendung eines Cliffhangers: Die Fernsehsender möchten, dass du trotz Werbung dabei bleibst oder zumindest zurückkommst, sobald sie vorüber ist. Durch den Cliffhanger bleibst du dran. Du möchtest wissen, wie es weiter geht.

Clickbait

Cliffhanger und Clickbait-Headlines nutzen den Zeigarnik-Effekt

Doch nicht nur die Filmindustrie macht sich den Zeigarnik Effekt zu Nutze. Auch Webseiten und Zeitungen arbeiten mit sogenannten Clickbait-Headlines.

Diese Überschriften legen einen Köder aus, der dafür sorgt, dass du wissen möchtest, was danach kommt.

So klickst du auf die entsprechende Webseite, um deine Neugier zu befriedigen.

“Du wirst nicht glauben, wie Pippi Langstrumpf heute aussieht!” Na? Neugier geweckt?

Geschichten mit offenem Ende

Das unbefriedigende Gefühl, dass nach einem Film oder einer Serie mit offenem Ende zurück bleibt, kommt daher, dass die Drehbuchautorinnen und Autoren ihre Aufgabe, eine Geschichte zu erzählen, nicht vollendet haben.

Du möchtest wissen, wie die Geschichte endet und versuchst dir selbst einen Reim darauf zu machen.

Psychotherapie

Auch in der Psychotherapie lässt sich der Zeigarnik-Effekt beobachten. Du erinnerst dich häufig und ungewollt an weit zurückliegende Ereignisse, die dich mental belasten und zurückwerfen.

In der Psychotherapie werden unverarbeitete Dinge aus der Vergangenheit noch einmal in die Gegenwart geholt, sodass sie abgeschlossen werden können und zu dem beschriebenen Spannungsabbau führen.

Negative Aspekte des Zeigarnik-Effekts

Wenn eine Aufgabe unvollendet bleibt, steht das Gehirn unter Spannung, die sich erst wieder abbaut, wenn die Aufgabe vollendet ist. Aufgrund dieser anhaltenden Spannung kann der Zeigarnik-Effekt einige negative Folgen mit sich bringen.

Chronischer Stress und Überlastung

Der Zeigarnik-Effekt kann chronischen Stress begünstigen

Multitasking galt lange Zeit als erstrebenswert. Allerdings baut das Gehirn mit jeder Aufgabe, die du erledigen möchtest, mehr und mehr Spannung auf.

Durch die vielen begonnenen, aber nicht vollendeten Aufgaben, steht das Gehirn ständig unter “Strom”.

Diese Belastung kann schnell zu chronischem Stress und Überlastung führen. Strategien zur Stressbewältigung findest du hier.

Am besten vermeidest du, zu viele Aufgaben auf deiner To-Do-Liste stehen zu haben. Hake lieber erst eine Sache ab, bevor du eine neue beginnst.

Innere Unruhe

Ähnlich zu chronischem Stress kann die Spannung, die durch viele unerledigte Aufgaben
ausgelöst wird, auch dazu führen, dass du innerlich nicht mehr zur Ruhe kommst.

Der Kopf scheint voll und ständig angestrengt, Entspannung und notwendige Pausen fallen schwer. Tipps und Methoden gegen innere Unruhe findest du hier. 

Arbeit mit in den Feierabend nehmen

Kannst du kurz vor Feierabend die Aufgabe auf deiner To-Do-Liste aus Zeitmangel nicht abschließen, begleitet sie dich dank des Zeigarnik-Effekts mit in dein Privatleben.

Wenn die notwendige Pause und das Abschalten nach Feierabend und am Wochenende ausbleibt, ist das nicht nur lästig, sondern kann im schlimmsten Fall auch chronischen Stress begünstigen und zu Schlafproblemen führen.

Um diese negative Auswirkung des Zeigarnik-Effekts zu umgehen, empfiehlt es sich, sich am Tag vor dem Wochenende nicht zu viel vorzunehmen und realistisch mit den geplanten Aufgaben zu sein. Sind sie vor Feierabend erledigt, bleibt die Arbeit auch im Büro und begleitet dich nicht mit in den Feierabend.

Verminderte Konzentrationsfähigkeit

Der ständige Gedanke an unerledigte Aufgaben blockiert geistige Ressourcen und sorgt für eine verminderte Konzentrationsfähigkeit. Übungen und Tipps, um deine Konzentration zu steigern, findest du hier. 

Zeigarnik-Effekt positiv nutzen

Glücklicherweise hat der Zeigarnik-Effekt aber nicht nur negative Auswirkungen auf dich und dein Stressempfinden. Bist du dir des Effekts bewusst, kannst du ihn auf positive Weise nutzen.

Einfach anfangen

Entsprechend des Zeigarnik-Effekts ist das Schwierigste an einer Aufgabe das Anfangen. Hast du einmal begonnen, ist die Motivation höher, die Aufgabe auch zu vollenden. Fange also einfach mal an, dann hast du das Schwierigste schon geschafft.

Mitten im Satz unterbrechen

Zeigarnik-Effekt positiv nutzen: Mitten im Satz unterbrechen

Wenn du einen Text schreiben musst, versuche vor einer Pause oder am Ende deines Arbeitstages mitten im Satz aufzuhören, statt, wie sonst üblich, den Satz zu beenden.

Da der Satz unvollendet ist, bleibt er besser im Gedächtnis und wenn du wieder einsteigen möchtest, kannst du dich schneller erinnern, wo du zuvor aufgehört hast.

Der Legende nach arbeitete so auch der berühmte Schriftsteller Ernest Hemingway: Immer wenn er sich eine Pause vom Schreibtisch gönnte, unterbrach er seine Arbeit mittendrin, um am nächsten Tag umso schneller weitermachen zu können.

Vorträge im Kreis halten

Manchmal fällt es schwer, die Aufmerksamkeit über einen kompletten Vortrag aufrecht zu erhalten. Du kannst es deinen Zuhörerinnen und Zuhörern erleichtern, indem du mit einer Frage oder Aufgabe in deinen Vortrag einsteigst.

Die Antwort beziehungsweise die Lösung lässt du dann erst einmal offen und hältst deinen Vortrag. So ist dir die Aufmerksamkeit der Zuhörenden sicher. Am Ende deines Vortrages kannst du das Rätsel schließlich auflösen.

Du könntest einen Vortrag zu Höhlenmalerei beispielsweise mit einer Schätzfrage beginnen: Wie alt ist wohl die älteste bisher gefundene Höhlenmalerei?

Du lässt dein Publikum ein paar Minuten darüber nachdenken und raten. Möglicherweise gibst du A, B oder C als Antwortmöglichkeiten vor. Allerdings löst du erst am Ende deines Vortrages das Rätsel auf: 45.500 Jahre

Singletasking

Da der Zeigarnik-Effekt bei zu vielen begonnen Aufgaben zu einem erhöhten Stresslevel führt, bietet es sich an, sich statt Multi- auf Singletasking zu konzentrieren.

Je mehr Schubladen du schließt, bevor du neue öffnest, desto weniger Stress setzt du deinem Gehirn aus. Alle Nachteile des Multitaskings und Tipps für fokussiertes Arbeiten findest du hier. 

To-Do-Listen

Zeigarnik-Effekt positiv nutzen: To-Do-Listen

Stehen doch einmal mehr Dinge an, die zu tun sind, solltest du dir mit To-Do-Listen einen Überblick verschaffen.

Das Aufschreiben all deiner Aufgaben kann dein Gehirn zufrieden stellen, obwohl die Aufgabe noch nicht erledigt ist – als würde dein Gehirn wissen, dass es sich nun nicht mehr aktiv an die Aufgabe erinnern muss.

To-Do-Listen sorgen dafür, dass die Aufgabe für dein Gehirn vorübergehend abgeschlossen ist und verursachen dadurch weniger Stress.

Getting-Things-Done-Tag

Du kannst einen “Getting-Things-Done” Tag einlegen an dem du deine komplette Aufmerksamkeit darauf richtest, unerledigte Aufgaben abzuschließen. So schaffst du Platz im Kopf für die kommenden Tage. Das empfiehlt sich besonders vor großen und wichtigen Aufgaben.

So stellst du sicher, dass deine vollen geistigen Ressourcen verfügbar sind und du deine Konzentration voll und ganz auf die neue Aufgabe richten kannst.

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