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Heuristik: 5 Formen der schnellen Problemlösung + 4 Fallstricke

Soll ich mit dem Auto oder der Bahn zur Arbeit fahren? Solche und viele andere Entscheidungen musst du jeden Tag aufs Neue treffen. Bei der Wahl helfen dir Heuristiken. Wir stellen verschiedene Strategien zur schnellen Problemlösung vor und erklären, welche Fallstricke sie mit sich bringen.


Definition von Heuristik

Heuristiken erleichtern deinem Gehirn die Arbeit

Heuristiken sind Methoden, die dein Denken erleichtern. Als Abkürzungen erleichtern sie deinem Gehirn die Arbeit, insbesondere dann, wenn du schnell eine wichtige Entscheidung treffen musst. In den meisten Fällen fehlt dir die Motivation und Zeit, um alle zur Verfügung stehenden Optionen ausreichend miteinander zu vergleichen. Gerade bei weniger wichtigen Entscheidungen, wie der Frage nach dem Mittagessen, würde ein genaues Abwägen aller Optionen viel zu lange dauern. Abgesehen davon, stehen dir oft gar nicht alle Informationen zur Verfügung, die du zum genauen Vergleichen brauchst. Dann wäre es ohnehin unmöglich eine perfekte Entscheidung zu treffen. Du wendest also mentale Strategien an, um dein Gehirn nicht zu überfordern und nicht allzu lange über einzelne Fragen nachzudenken.

Heuristiken basieren nicht auf Wahrscheinlichkeiten oder Logik. Für eine logische Entscheidung müsstest du alle zur Verfügung stehenden Optionen gegeneinander abwägen. Im Anschluss würdest du dich dann für die am besten auf deine Bedürfnisse zugeschnittene Version entscheiden. Mit einer heuristischen Technik ignorierst du dagegen oft einen Teil der Informationen, um schneller eine Lösung zu finden. So kommt es immer wieder zu verzerrten Wahrnehmungen. Hin und wieder triffst du auch die falsche Wahl, merkst es aber gar nicht.

Trotzdem sind Heuristiken hilfreich, denn sie unterstützen dich dabei mit begrenztem Wissen in begrenzter Zeit ein Problem zu lösen. Der Begriff Heuristik ist vom griechischen Wort "heuriskein" abgeleitet und bedeutet "finden" oder "entdecken". Meistens verwendest du Heuristiken unbewusst und automatisch. Dein Unterbewusstsein ist darauf programmiert, einzelne Strategien unterschiedlich stark anzuwenden, je nachdem um welche Entscheidung es sich handelt.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, heuristische Strategien bewusst anzuwenden. Dazu musst du zuerst verstehen, wie die verschiedenen Strategien funktionieren und dich bei der Anwendung darauf konzentrieren. Wir erklären im Folgenden welche Heuristiken du bewusst zur schnellen Problemlösung nutzen kannst und worauf du dabei unbedingt achten musst.

Formen der Heuristik

Heuristiken sind mentale Faustregeln

Eine Heuristik ist eine mentale Faustregel. Faustregeln gibt es bekanntlich für die unterschiedlichsten Lebensbereiche. Genauso gibt es auch verschiedene Formen der Heuristik, die alle einfach zu verstehen und zu erlernen sind. Einzelne Formen kannst du aber nur in bestimmten Situationen anwenden. Das hängt damit zusammen, dass die Heuristiken sowohl mit deinen individuellen, kognitiven Fähigkeiten als auch mit den Gegebenheiten der Umwelt zusammenspielen. Wir stellen hier verschiedene Heuristiken vor, die du unbewusst vielleicht schon anwendest. Die Take-the-Best Heuristik ist wohl die beste Strategie zur schnellen Problemlösung. Alle anderen Strategien bringen Fallstricke mit sich, die unten aufgeführt werden.

Take-the-Best Heuristik

Diese heuristische Technik basiert auf dem Vergleichen von Alternativen. Dazu listest du nacheinander Eigenschaften aller Möglichkeiten auf und untersuchst, wo es Unterschiede gibt. Anhand der Unterschiede triffst du dann eine Entscheidung. Überlegst du zum Beispiel, ob du mit der Bahn oder dem Auto zur Arbeit fahren sollst, fragst du dich vielleicht zuerst: Wann muss ich für die jeweilige Option das Haus verlassen? Gibt es bei der Antwort auf diese Frage keine relevanten Unterschiede, stellst du dir eine nächste Frage. Zum Beispiel: Welche Kosten sind mit welchem Verkehrsmittel verbunden? Die Reihenfolge der Fragen ergibt sich, indem du alle Fragen, die dir einfallen nach ihrer Wichtigkeit ordnest und sie nacheinander durchgehst.

Um eine Entscheidung zu treffen, legst du also eine mentale Liste mit den relevantesten Eigenschaften an. Dann vergleichst du die einzelnen Merkmale, bis du einen Unterschied bemerkst, der für deine Entscheidung wichtig ist. Sobald du dich für eine Möglichkeit entschieden hast, spielt die Liste keine Rolle mehr und du vergisst womöglich auch eventuelle negative Eigenschaften deiner gewählten Alternative.

Tipp: Musst du eine besonders schwierige Entscheidung treffen, bei der du nicht so schnell zu einem Ergebnis kommst, empfiehlt es sich, eine persönliche Pro-und-Contra-Liste mit Stift und Papier zu schreiben. Dann kannst du immer wieder darauf zurückgreifen und dir zu einem späteren Zeitpunkt alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Rekognitionsheuristik

Chongqing hat viel mehr Einwohner als New York

Diese Technik basiert auf dem Wiedererkennungseffekt. In diesem Fall entscheidest du dich für eine Alternative, die du kennst. Unbekanntes beachtest du nicht weiter oder lehnst es ab.

Dieses Konzept funktioniert auch, wenn du zwei Objekte in Bezug auf ein bestimmtes Kriterium beurteilen sollst. Als Beispiel dafür wird häufig die Frage nach der Einwohnerzahl zweier unterschiedlicher Städte genannt. Wirst du gefragt, ob New York oder Chongqing mehr Einwohner hat, entscheidest du dich höchst wahrscheinlich für New York. Die Stadt ist weltweit als Metropole bekannt und jedem ein Begriff. Dabei hat sie nur knapp über 8,5 Millionen Einwohner, während im chinesischen Chongqing fast 30,5 Millionen Menschen leben. Rekognitionsheuristik führst also oft zu Fehleinschätzungen, die weitreichende Konsequenzen haben. Sei dir dessen bewusst und mache dich selbst immer wieder darauf aufmerksam, um Enttäuschungen zu vermeiden.

Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik ist sehr stark von deinem persönlichen Empfinden beeinflusst. Sie beruht darauf, dass du Ereignisse entsprechend deiner individuellen Erinnerungen bewertest und dich anhand dieser Informationen für eine Möglichkeit entscheidest. In gewisser Weise ähnelt sie der Rekognitionsheuristik, denn auch hier entscheidest du dich für die Möglichkeit, die du kennst oder zu kennen glaubst.

Ereignisse, an die du dich gut erinnern kannst, erscheinen dir wahrscheinlicher als Ereignisse, an die du dich nur schlecht oder gar nicht erinnerst. Wurde zum Beispiel kürzlich bei einem deiner Freunde oder deinen Eltern eingebrochen, steigt auch deine persönliche Angst, Opfer eines Einbruchs zu werden. Obwohl Einbrüche statistisch gesehen relativ selten vorkommen, erscheint dir die Bedrohung real. Das hat eventuell zur Folge, dass du dich Hals über Kopf für den Einbau eines Sicherheitssystems für deine Eingangstür entscheidest, obwohl du bisher nie Probleme mit der Tür hattest.

Repräsentativitätsheuristik

In diesem Fall entscheidet eine einzelne Information über eine große Menge an anderen Informationen. Die einzelne Information wird dabei zu einem Prototyp, der deiner Meinung nach Rückschlüsse auf andere, ähnliche Phänomene zulässt. Anhand eines Beispiels lässt sich diese Methode am besten verdeutlichen:

Beim Lotto gibt es unendlich viele mögliche Kombinationen. Die wenigsten Leute entscheiden sich für eine Kombination wie: "1, 2, 3, 4, 5, 6", dabei kann sie genauso wahrscheinlich vorkommen wie jede andere Kombination auch. Die Kombination "48, 17, 2, 26, 33, 12" kommt dir dagegen wahrscheinlich repräsentativer vor, da sie zufällig gewählt scheint. Sie wird viel eher als Prototyp gesehen, als die erste Zahlenfolge.

Ankerheuristik

Ankerheuristik im Vorstellungsgespräch

Die Ankerheuristik oder der Ankereffekt kann am besten anhand eines Vorstellungsgesprächs erklärt werden. Hast du einen Arbeitgeber mit Motivationsschreiben und Lebenslauf überzeugt, musst du dich persönlich beweisen. Do’s & Don’ts fürs Vorstellungsgespräch gibt es hier.

Irgendwann im Laufe des Gesprächs wirst du nach deinen Gehaltsvorstellungen gefragt. Hast du keine Ahnung davon, wie viel man in der Branche im Durchschnitt verdient, bist du sehr wahrscheinlich dankbar dafür, wenn dir dein Arbeitgeber ein Angebot macht. Selbst wenn du mit einer konkreten Gehaltsvorstellung in das Bewerbungsgespräch gegangen bist, passt du deine Ansprüche ab diesem Moment an den von deinem zukünftigen Arbeitgeber genannten Betrag an und orientierst dich daran. Dabei kann der genannte Wert völlig willkürlich sein und weit vom Durchschnittsgehalt der anderen Mitarbeiter entfernt sein. Wäre ein anderer Wert genannt worden, hättest du deine Verhandlungen daran orientiert.

Die Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky haben in einem Experiment bewiesen, dass auch willkürlich gewählte Anker Menschen in ihrem Entscheidungsprozess beeinflussen. Dazu ließen sie Probanden eines Experiments an einem Glücksrad drehen und forderten sie danach auf, die Anzahl der afrikanischen Staaten in der UNO zu schätzen. Die Ergebnisse ähnelten stark der zuvor mit dem Glücksrad ermittelten Zahl. Dabei war diese für die Schätzungen völlig irrelevant.

Diese Phänomene sind mit dem sogenannten numerischen Priming zu erklären. Das ist die kognitive Verarbeitung eines numerischen Reizes. Deine Wahrnehmung von Zahlen ist fester Bestandteil deines Alltags und wirkt sich unbewusst auf deine Entscheidungen aus. Musst du das nächste Mal eine Entscheidung treffen, die mit Zahlen zutun hat, solltest du dich an diesen Effekt erinnern und dich nicht von deinem Unterbewussten austricksen lassen.

Fallstricke der Heuristik

Fallstricke

Die unterschiedlichen Formen der Heuristik sind zwar hilfreich, aber auch mit einigen Fallstricken verbunden. Über folgende Nebeneffekte von Heuristiken solltest du Bescheid wissen und sie dir immer wieder ins Gedächtnis rufen, damit du sie vermeiden kannst.

Vorschnelle Entscheidungen treffen

Je nachdem, welche Entscheidung du treffen musst, ist es manchmal ratsam sich Zeit zu nehmen. Handelst du impulsiv, kann es sein, dass du schon nach einer kurzen Weile nicht mehr mit deiner Wahl zufrieden bist. Einige heuristische Techniken vernachlässigen Informationen, die bei wichtigen Entscheidungen ausschlaggebend sein können, wie die Rekognitionsheuristik und die Ankerheuristik. Nimm dir für wichtige Entscheidungen Zeit und bespreche deine Probleme auch mit Freunden oder deiner Familie. Welche Entscheidungen wichtig sind und welche nicht, musst du selbst einschätzen.

Fehleinschätzungen

Gerade die Rekognitionsheuristik kann zu dramatischen Fehleinschätzungen führen. Entscheidest du dich immer nur für Alternativen, die dir bekannt vorkommen, übersiehst du womöglich wichtige Dinge oder schätzt sie falsch ein. Auch die Verfügbarkeitsheuristik führt immer wieder zu Fehleinschätzungen. Wenn du immer nur das wählst, woran du dich erinnerst, lernst du niemals Neues kennen und entwickelst dich nicht weiter. Versuche aufgeschlossen gegenüber Unbekanntem zu sein, dann erlebst du vielleicht eine positive Überraschung. Tipps für mehr Optimismus findest du hier.

Die Repräsentativitätsheuristik wird zum Beispiel in Firmen zu einem großen Problem, wenn Verantwortliche vorhandene Informationen als Prototyp für eine Entwicklung sehen, eventuelle Änderungen aber nicht einplanen. Dann kommt es vor, dass die Berechnungen nicht mit der Realität übereinstimmen und die Firma große Verluste macht.

Halo-Effekt

Menschen beurteilen andere Menschen auf den ersten Blick immer nach ihrem Aussehen. Dabei spielt auch die Körpergröße eine Rolle. Wer ein gutes, überzeugendes Auftreten hat, überstrahlt andere und wird als außergewöhnlich intelligent und fähig eingeschätzt. Dieses Phänomen nennt man auch Halo-Effekt, also Heiligenschein-Effekt. Versuche den Halo-Effekt möglichst zu vermeiden. Er führt auf lange Sicht dazu, dass du Menschen positive Eigenschaften zuschreibst, obwohl sie diese womöglich gar nicht besitzen. Lerne deine Mitmenschen zunächst kennen, bevor du dir ein Urteil bildest und lasse dich nicht von ihrem bloßen Auftreten blenden.

Confirmation Bias

Confirmation Bias oder die Selbstbestätigungstendenz, ist ein weiteres Phänomen, das du möglichst vermeiden solltest. Es ist völlig natürlich, dass du glücklich bist, wenn deine Meinung bestätigt wird. Eine Gegenstimme hört niemand gerne. Denn dann musst du dich rechtfertigen und mögliche Fehler eingestehen. Daher bist du immer bemüht, deinen Standpunkt mit anderen Aussagen oder deinen eigenen Erfahrungen zu beweisen. Versuche dich davon zu befreien und offen für Neues zu sein. Es lohnt sich sogar nach Fehlern im eigenen Handeln zu suchen. Dann lernst du immer wieder Neues. Tipps zum Lernen lernen gibt es hier. 

Heuristik in der Werbung

Heuristik in der Werbung

Auch in der Werbung kommen Heuristiken immer wieder zum Einsatz, um die Kunden von bestimmten Produkten zu überzeugen. So gibt es zum Beispiel die sogenannte Expertenheuristik, die darauf beruht, dass Aussagen eines Experten eher für richtig gehalten werden als Aussagen eines Laien. Stellt ein Experte ein bestimmtes Produkt vor, bist du eher davon überzeugt, als wenn es von einer Person ohne Kenntnisse zum Thema präsentiert wird.

Gleiches gilt für die Aussagen von Personen, die sympathisch und angemessen Auftreten. In diesem Fall kommt die Sympathieheuristik ins Spiel. Menschen sind generell eher von einer Aussage überzeugt, die von einer sympathisch wirkenden Person kommt, also von der Aussage einer unsympathisch aussehenden Person.

Eine dritte Heuristik, die in der Werbung eine Rolle spielt, ist die Konsensheuristik. In den meisten Fällen vertrauen Menschen der Meinung, die von einer Mehrheit vertreten wird. Das bietet sich an, macht weniger Umstände und ist keine besondere Herausforderung. Hast du eine Meinung, die die Mehrheit nicht vertritt, musst du dich rechtfertigen und womöglich unangenehme Fragen beantworten. Stehe zu deiner Meinung, auch wenn es manchmal schwierig ist. Es ist wichtig, dass du deine Ansichten unabhängig von anderen Menschen selbstsicher vertrittst und keine Versprechen gibst, die du später nicht einhältst.

Heuristik in der Wissenschaft: Ockhams Rasiermesser

Ockhams Rasiermesser ist ein Forschungsprinzip. Benannt ist es nach Wilhelm von Ockham, der im 14. Jahrhundert sagte, dass bei mehreren möglichen Theorien, nur die einfachste Gültigkeit haben sollte. Was genau eine einfache und eine komplizierte Theorie ist, steht nicht hundertprozentig fest. Allerdings muss eine einfache Theorie logisch und möglichst schnell nachvollziehbar sein.

Ockham war auch der Meinung, dass es für jeden Sachverhalt nur eine mögliche Lösung geben sollte. Alle anderen Erklärungen könnten wie mit einem Rasiermesser entfernt werden. Vorteil einer einzigen, simplen möglichen Lösung für ein Problem ist auch, dass sie unkompliziert auf ihre Richtigkeit überprüft werden kann. Ein moderner Ansatz, der in seiner Grundaussage auf Ockhams Rasiermesser basiert, ist das KISS-Prinzip. KISS steht für "keep it simple, stupid".

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